Kulturschock

Bevor wir hierher nach Maun kamen, haben wir schon einige Male bei unseren Treffen über den möglichen Kulturschock, der auf uns zukommen kann, gesprochen und versucht, uns sogut wie möglich, darauf vorzubereiten. Aber wie jeder weiß, kommt alles doch ganz anderes, als man denkt. Man ist auf sich alleine gestellt und muss in einer Situation handeln, die plötzlich auftritt, ohne die Möglichkeit zu haben, sich auf die besprochenen Vorgehensweisen beziehen zu können.

Die Themen, bei denen in unterschiedlich starker Ausprägung in einen Kulturschock versetzt haben, sind…

⁃ Essen und Kochen

⁃ Glaube und Religion

⁃ Gleichberechtigung

⁃ TIA (This is Africa)

⁃ Bildung/Zukunft

⁃ ft der Jugendlichen Maun

Essen und Kochen

Ein wirklich wichtiges Thema, welches uns tagtäglich begleitet – und zwar erst recht als Vegetarier – ist das Essen. Häufige Fragen, die wir uns zu Anfang beim Essen stellen, sind solche wie „Gibt es hier eigentlich Vegetarier und falls nicht, wird unsere Ernährungsweise und der moralischer Hintergrund überhaupt toleriert/verstanden?“ oder „Was wird uns Vegetariern als Alternative zum Fleisch angeboten?“

Diese Fragen sind für uns, nach einer gewissen Zeit im Camp, eigentlich ganz einfach zu beantworten. Vegetarier gibt es auf Seite der Botswaner*innen in Thari-E-Ntsho mit Sicherheit nicht. Unser Eindruck ist, dass eine Ernährung mit viel Fleisch gar nicht erst in Frage gestellt wird, da es einen wichtigen Teil jeder warmen Mahlzeit darstellt. Fleisch ist gegenüber vielen anderen Lebensmitteln in Botswana ausgesprochen kostengünstig. Ein weiterer Punkt ist, dass es (in Thari-E-Ntso) generell keine Auswahl bzw. Vielfalt an (unterschiedlichen) Gerichten gab, weil unter schwierigen Bedingungen für viele Leute gekocht werden musste. So setzt sich ein Gericht meistens aus Hirsebrei, Reis oder einer nicht immer definierbare „Pampe“ mit Fleisch und Gemüsesoße zusammen. Das und die mangelnde Sensibilisierung im Umgang mit Vegetariern und deren „speziellen“ Bedürfnissen ist ein Grund dafür, warum es schwierig ist, ist einen angemessenen Ersatz für diese zu finden. So gibt es für uns oft nur das Gleiche zu essen. Wir wollten auch keine größeren Umstände machen, auch wenn es schon manchmal störend war, das Gleiche zu Essen, wie die Fleischesser, nur halt ohne. Wir haben zunächst abgewartet, wie sich der Umgang mit dem Thema entwickelt, ob sich vielleicht irgendwann etwas daran ändern wird. Nachdem wir eigentlich schon die Hoffnung aufgegeben hatten, mal etwas anderes essen zu können, als nur Reis oder Brei mit Sauce, gab es nach ca. zwei Wochen kleine Veränderungen. Es standen kleine Tofuwürstchen auf den Tisch, über die wir drei Vegetarier wirklich freuten und wir merkten, dass sich mit unserer Ernährungsweise doch ein wenig auseinandergesetzt bzw. sich Gedanken gemacht wurde.

Eine weitere Feststellung, die wir machen konnten, ist die maßenhafte Verwendung von Zucker bei der Zubereitung fast aller möglichen Gerichte. Das „warum“ hat sich uns nicht erschlossen, wir wollten aber auch hierzu nicht noch kritisch nachfragen…

Abgesehen von dem Essen, spielt Organisation und Ablauf des Kochens eine große Rolle. Wir wurden innerhalb unserer ca. 25-köpfigen Gruppe vier gemischte Teams eingeteilt, die abwechselnd immer tageweise für den Küchendienst zuständig sind. Einen Tag diesen Dienst zu machen, ist wirklich anstrengend und nervenaufreibend. Bei einigen von uns ist dabei auch das Verständnis gegenüber dem Zeitaufwand, den unsere Eltern täglich zu Hause in der Küche betreiben müssen, stark gewachsen.

Der Ablauf eines Küchendienstes sieht ungefähr so aus:

⁃ 6:00-7:30 Uhr: Zubereitung des Frühstücks (u.a. Wasser auf offenem Feuer abkochen);

⁃ 8:00-9:00 Uhr: Küche saubermachen; Geschirr abwaschen/-trocknen (es gibt keinen Geschirrspüler);

⁃ 10:30 Uhr: Tea-Time vorbereiten (kleine Snacks, wie z.B. Obst), Wasser kochen für Tee und Kaffee)

⁃ 11:00 Uhr: Tea-Time

⁃ 11:30-13:00 Uhr: Abwasch von benutztem Geschirr und Kleinigkeiten; Vorbereitung des Mittagessens (kochen auf einem Gasherd)

⁃ 14:00Uhr-15:00 Uhr: Geschirr abwaschen

⁃ 15:00-17:00 Uhr: Pause; Camp sauber halten/ machen

⁃ 17:00-19:30 Uhr: Vorbereitung des Abendessens

⁃ 20:00 Uhr: Geschirr abwaschen

Wir können auf jeden Fall behaupten, dass der Küchendienst unter den gegebenen Bedingungen sehr viel Zeit in Anspruch nimmt und man manchmal sogar mehr Lust auf die Feldarbeit, als auf den Küchendienst hat. Trotzdem muss jedes Team einige Male durch den Küchendienst, schließlich nimmt es uns keiner ab.

Glaube und Religion

Wie bei uns in Deutschland werden in Maun viele verschiedene Glaubensrichtungen, wie der Katholizismus, das Evangelium oder der Islam ausgeübt und ausgelebt. Allerdings viel intensiver und mit viel Spaß. Wie sehr das Leben der afrikanischen Jugendlichen von der Religion geprägt ist, ist uns immer wieder in bestimmten Situationen aufgefallen, die da wären: Beten vor dem Essen oder in vielen Verhaltensweisen, wie „ God bless you“, wenn eine Person genießt hat. Wir würden einfach nur „Gesundheit“/ „Bless you“ oder gar nichts (mehr) sagen. In einem der Berichte, namens „Sing Sang“, konnte man schon erfahren, dass hier viel gesungen und getanzt wird, um eine gewisse Harmonie untereinander zu verbreiten, welche ebenfalls in der Kirche stattfindet und das durften wir live miterleben. Die Kirche ist nicht nur ein Ort des Glaubens, sondern Menschen versammeln sich auch aus ganz unterschiedliches Gründen dort. Viele Menschen gehen in Maun am Sonntag mit der ganzen Familie in die Kirche zum Beten und um Kontakt mit Gott aufzunehmen, aber einige gehen ebenfalls dort hin, um ihre sozialen Kontakte zu pflegen und Kraft für ihr Leben zu erhalten.

Um noch einmal auf die Familien zurückzukommen. Es ist möglich, dass innerhalb dieser unterschiedliche Glaubensrichtungen verfolgt werden, sei es aus dem Grund, dass z.B. zwei Menschen mit unterschiedlichen Religionen geheiratet haben, wie wir auf der Hochzeit mit bekommen haben, oder sich eine Person im Laufe seines Lebens zu einer anderen Glaubensrichtung hingezogen fühlt und diese annimmt. Dies ist vollkommen in Ordnung und wird meistens in den einzelnen Familien auch akzeptiert. Dies sind also eher die etwas spezielleren Fälle hier, da es meistens eher der Fall ist eine Religion innerhalb einer Familie zu haben und man in den Glauben der Eltern, als Kind, reingeboren/erzogen wird.

Was wir uns noch gefragt haben, da wir nur mitbekommen, dass die meisten Menschen einer Religion/Glaubensrichtung angehören, ob es in Maun auch Atheisten gibt. Diese Frage können wir bejahen, dennoch gibt es zwei Arten von Atheisten. Zum Einen gibt es die Atheisten, wie wir sie kennen, die an keinerlei Dinge glauben und zum Anderen gibt es die Agnostiker. Diese Menschen glauben an etwas Größeres/Mächtigeres, aber nicht an eine bestimmte Person, wie einen Gott. Trotz es wohl einige Atheisten und Agnostiker gibt, ist der Großteil der Bevölkerung in Maun sehr gläubig.

Gleichberechtigung

Die Aufgabenverteilung und die Versorgungsfrage verlaufen hier ein wenig veraltet. Es wurde uns zwar gesagt, dass die Frau an Arbeit und Aufgaben alles tun und machen kann, wie ein Mann. Doch das findet tatsächlich meist nur in der Theorie und nicht unbedingt in der Umsetzung statt. Diese Erfahrung mussten einige Mädchen von uns am eigenen Leib machen… wenn wir uns bei einer Sache körperlich beteiligen und z.B. bei dem Bau des „Greenhouses“ mit helfen wollten, wurden uns gerne mal bestimmte Werkzeuge gleich wieder aus der Hand genommen, ohne dass wir es wenigstens versuchen oder uns beweisen durften, dass eine Frau das Meiste genau so gut kann, wie ein Mann. Diese Situationen gehören so eher nicht in unsere (Lebens-)Welt, erst recht weil wir hier zum Arbeiten sind und nicht um als Deko daneben zu stehen…

Auch bei der Aufteilung innerhalb des Küchendienstes war schnell erkennbar, dass die Männer lieber die Aufgaben im Camp verrichten, als in der Küche zu helfen und zu kochen und auch hier ist wieder das typische Frauenbild von früher zu sehen. In Maun ist es üblich, dass die Frauen in einer Familie den Haushalt führen, dazu zählt: Kochen, sich um die Kinder kümmern und in die Kirchen gehen. Im Gegensatz dazu, machen die Männer die körperliche Arbeit und verdienen meistens das Geld.

Zum Glück haben wir in Deutschland nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch die Möglichkeit einen, überwiegend von Männern ausgeübten, Job anzustreben und auch zu erlernen.

TIA („This is Africa“)

Eine gewisse Zeit hat es gedauert, sich hier einigermaßen an die Strukturen und die afrikanischen Herangehensweisen zu gewöhnen. In der ersten Woche verlief alles sehr stressig und immer wieder viel später, als geplant oder zuvor angesagt war, was für uns als deutsche Gruppe erst einmal sehr verwirrend war. In einem fremden Land, mit „fremden“ Menschen, fremder Kultur und dann nicht die gewohnten und klassischen Regeln oder Strukturen zum „Festhalten“..?

Die Einhaltung der zeitlich festgelegten Mahlzeiten sowie pünktliches Treffen und andere Absprachen haben ihre Zeit gebraucht, sich einzupendeln. Außerdem war es in der ersten Woche äußerst schwierig, durch anfängliche Sprachhemmnisse häufiger gestörte Kommunikation oder durch plötzliche Planänderungen, von denen unsere Gruppe kaum etwas mitbekam, sich auf den Alltag einlassen zu können. Doch nach ein, zwei Wochen Beobachtungszeit, wie das Alles hier so gehandhabt wird, konnte sich der grösste Teil unserer deutschen Teilnehmergruppe damit arrangieren, hat es hingenommen, andere von uns haben sich an das System schnell angepasst und akzeptiert.

Bildung/Zukunft der Jugendlichen in Maun

Wir haben von den botswaner Jugendlichen erfahren, dass der Großteil von ihnen entweder zur Schule geht oder studiert. Die dritte Option danach, einen Job zu erhalten, gibt es meist nicht und zwar aus folgendem Grund:

Das Problem in Maun ist, dass es zu viele Menschen für zu wenig Arbeitsplätze gibt. Um sich überhaupt für einen Job zu qualifizieren, gibt es hier ähnliche Voraussetzungen wie in Deutschland. Die Jugendlichen müssen mindestens ihren „Highschool“-Abschluss gemacht haben, damit sie etwas in der Hand haben, um anschließend auf Jobsuche gehen zu können. Aber selbst mit solch einem Abschluss hat es sich als sehr schwierig erwiesen einen Job zu erhalten und seine Zukunft damit zu sichern und aufzubauen. Deshalb entschließen die Jugendlichen sich häufig studieren zu gehen. Selbst nach Erhalt eines Studienabschlusses ist es immer noch schwierig einen Job zu finden, aufgrund des o.g. Problems. Aber es gibt noch andere Faktoren, die dafür sorgen, nicht in den Arbeitsalltag einsteigen zu können, z.B. dass viele Jugendlichen dazu verpflichtet sind, im Haushalt mitzuhelfen oder selbst den Haushalt zu führen oder die Elternrolle für kleiner Geschwister zu übernehmen. Außerdem können wir uns vorstellen, dass viele Jugendliche auch lieber in der Familie mithelfen und einfach keine Motivation haben, da sich das Arbeiten für einen so geringen Arbeitslohn kaum lohnt. Der Mindestlohn beträgt hier nur 6 Pula pro Stunde, das entspricht etwa 0,60 €!!! Kaum ausreichend, um von so wenig Geld zu leben. Die Lebenshaltungskosten sind in Botswana lange nicht so gering, wie wir erwartet hatten. Vieles, insbesondere die Konsumartikel (z.B. Kosmetik- und Hygieneartikel), sind ähnlich teuer, wie in Deutschland. Aber wie wir sehen konnten, geht es den Jugendlichen aus Maun einigermaßen gut, denn sie zeigen mit ihrer positiven Lebenseinstellung immer, wie glücklich sie trotzdem sind, mit dem Wenigen, was sie besitzen und versuchen trotz der problematischen Lage ihre Ziele zu erreichen.

Die Beschäftigung der Jugendlichen auf Thari-E-Ntsho unterstützt sie darin, ihre „Skills“ oder ihre persönliche Haltung zu verändern und sich persönlich zu entwickeln, was bei einer späteren Jobsuche zumindest hilfreich ist.

LG Kim und Henrike

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